Anfang Dezember war ich in Kyjiw, in der Ukraine.
Vier Tage und drei Nächte habe ich miterlebt, was die
Menschen dort seit fast vier Jahren Tag für Tag „erleben“ - den Krieg - mit ganz konkreten Auswirkungen auf ihre persönlichen Leben, auf Alltag und Planung.
Es gibt mir eine leise Ahnung davon, wie das sein muss, ...es ist ein ganz klein wenig weniger unbegreiflich geworden.
Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass ich dort gewesen bin, ich bin um eine große Erfahrung reicher.
Es fühlte sich gut an, nach vier Jahren solidarischer Gefühle für die ukrainische Bevölkerung, in persona dort zu sein und persönlich mit den Menschen in Kontakt zu kommen.
Alle, die ich dort antraf, waren sehr freundlich, sehr klar
und ja, okay, ein bißchen müde...
Respekt, Leute, Respekt vor Eurer Kraft
und Danke für das herzliche Willkommen.
Mein offizielles Programm in Kyjiw bestand aus einem Workshop für Comiczeichner*innen und Illustrator*innen in der Bibliothek des Goethe Instituts mit ca. 10 Teilnehmenden am zweiten Abend und der Jury-Sitzung für den Best Book Design Wettbewerbs (kuratiert von Book Arsenal), die sich über den ganzen Folgetag erstreckte. Die Bücher waren hochinteressant, unser Team super entspannt und effizient und es war eine echt gute Stimmung.
Dazwischen und drumrum hatte ich immer Gelegenheit, die Stadt eigenständig zu erkunden oder ich verbrachte Zeit im schicken Hotel am Schreibtisch. Das war dann immer so, als wäre ich mal wieder auf einer netten Reise, ...bis zu dem Moment, wo mir einfiel, dass ich in einem Land bin, in dem Krieg herrscht. Und es fühlte sich eben doch anders an, etwas war anders.
Und am zweiten Tag realisierte ich, dass ich mich selber auch verändert hatte. Wegen dem Kaffee.
Als leidenschaftliche Kaffeetrinkerin peilte ich regelmäßig die Cafés an, um mir einen “Kava” zu holen und bestellte dann etwas verwundert einen Kräutertee oder ging einfach vorbei. Es war das Adrenalin. Mein Körper hatte sich schon an den „Alarmzustand” angepasst und sagte Nein zu Kaffee.
Jederzeit konnte der Luftalarm losgehen.
Natürlich hatte ich bei all dem Abenteuer und Risiko auch noch Glück und es waren dann tatsächlich vier ruhige Tage, außerdem ist Kyjiw wohl die sicherste und beschützteste Stadt in der Ukraine.
Ich habe auch nichts wirklich „gesehen“ vom Krieg, also keine bombardierten Häuser oder Zerstörungen. Ich habe keine Dronen, Raketen oder Rauchfahnen gesehen und habe keine Explosionen gehört. Es gab natürlich viel Militär an allen Ecken und das Mahnmal auf dem Maidan war schwer zu ertragen:
Ein kleines Meer aus gelb-blauen Fahnen zwischen Kerzen und Dekorationen und den Fotos gefallener Soldaten.
Woanders standen ausgestellt auf dem Platz vor der Kathedrale zerstörte Fahrzeuge, also Panzer, Erntemaschinen, zivile Autos.
Luftalarm kam jede Nacht, ich hatte ihn auf der Handy-App (AIR ALERT - PLEACE PROCEED TO THE SHELTER), über den Hotel-Lautsprecher und von draußen. Aber dann gab es immer einen kurzen SMS-Austausch mit meiner Gastgeberin Mariia, die genauere Informationen hatte und dann war es meist nicht nötig, in den Schutzraum zu gehen. Nur einmal musste ich dann doch runter, aber nur kurz.
Auf jeden Fall: Wenig Schlaf - in jeder Nacht.
Samstag vormittag, an meinem letzten Tag, war nur für eine Stunde Alarm, danach ging ich wieder raus und freute mich, dass die Sonne schien.
Wie andere auch.
Die Stimmung auf der Straße, soweit ich das überhaupt beurteilen kann, müdes und tapferes Lächeln, fröhliches Lachen, Menschen, die einfach leben wollen, aber da ist auch diese gewisse Anspannung, die liegt auf den Gesichtern und in der Luft, alle sind gewappnet, in jedem Moment.
Eins meiner Kreis-Bilder zeigt den Freiheitsbogen des ukrainischen Volkes, so wurde er 2022 neu benannt. Bis dahin, seit seiner Erbauung 1982, war er das Denkmal der Völkerfreundschaft zur Ehren von Russland und der Ukraine.
Die Freundschaft hat tatsächlich mehr als einen Riss bekommen und viele hätten das Denkmal gern zerstört gesehen.
Die Alternative dazu war die Umbenennung und ein in schwarzer Farbe gemalter Riss oben am Bogen.
Ich lese das als ein Zeichen dafür, dass Versöhnung und Heilung immer noch und irgendwann möglich sein kann - wenn es denn wenigstens erstmal Frieden gäbe!
Am ersten Nachmittag ging ich zum Spazieren, Entdecken und Fotografieren raus.
Auffällig fand ich die vielen Cafés, Bars und Straßenstände, insbesondere ihre einladende Illumination.
Gleichzeitig sieht man, dass alle Geschäfte und Lokale einen Dieselgenerator vor der Tür stehen haben. Der Strom wird regelmäßig abgeschaltet, ganze Straßen oder Blocks haben dann für ein paar Stunden keinen Strom.
Einmal laufe ich mit Mariia, meiner Kollegin vom Goethe Institut, während so einer Strompause eine Straße mit zahlreichen Cafés nebeneinander entlang und wir müssen uns fast anschreien, um uns zu verständigen.
Es ist sooo laut.
Und die stinken natürlich auch, die Dinger. Mariia erzählt mir, dass das mit dem Feinstaub, auch durch Abschüsse und Trümmer immer wieder ein großes Problem ist. Und dann erinnert sie mich an die Zerstörung des Staudamms im Süden der Ukraine und all das Leid für die Menschen, die Natur, die Haus- und Wildtiere. Wir reden über das Abfackeln von Gas und Angriffe auf Ölraffinerien und ich erzähle ihr, dass ich damals am 24.2.2022 auch so sauer auf Putin war, weil ich dachte, „die Welt“ könne sich nach Corona ja auch mal wieder um die Klimakrise kümmern. Und jetzt? Aufrüstung, Aufrüstung, Aufrüstung und weitere kriegsbedingte Umweltkatastrophen.
Wir seufzen und ich denke insgeheim, dass das ganze globale Geschehen hier vielleicht gar keine so große Rolle spielen kann, was kümmert die Ukrainer die Welt?
Hier wollen die Menschen einfach nur wieder so etwas wie Normalität.
Freiheit.
Frieden.
LUFTALARM IN DER DRITTEN NACHT:
Seit ich zurück bin kann ich sagen, dass ich nun weiß, wie es sich anfühlt im Frieden zu leben.
Ich stieg am Ostkreuz in Berlin aus dem Zug und während ich munter beschwingt und so außergewöhnlich unbesorgt zur Bushaltestelle schlenderte, fühlte ich es ganz warm:
Hier ist Frieden, hier bin ich sicher und darüber bin ich sehr sehr froh.












